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Das lächerliche Schwanen-Prinzip

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E s ist doch erstaunlich, wie sehr sich die Welt immer wieder in Konzepte unterteilen lässt. So individuell wir auch alle sein mögen, irgendein Raster fängt uns immer auf. Warum beispielsweise schreibe ich seit knapp sechs Jahren 1.200 Artikel (mit ein wenig Hilfe) in dieses Blog, teile sie mit einer anonymen Masse (knapp 12.000 Besuche bis jetzt in diesem Jahr), von denen vielleicht einmal 1% einen Kommentar hinterlässt, Versatzstücke meines Lebens?

Vielleicht liegt das an meiner Kulturpupertät. Die Wissenschaft kennt zwei Motivationen für das Schreiben. In der einen geht es hehr um die Tradierung einer wie auch immer gearteten literarischen Kultur, in der der anderen darum, wie man sich als Autor Schriftkultur und Literatur für eigene Zwecke nutzbar machen kann. Man ahnt es schon, ich falle in die zweite Kategorie. Denn dabei handelt es sich um einen um soziale und personale Distinktion, sprich, ich schreibe um meines Selbstwertgefühls willen und weil ich mich als Autor stilisieren möchte, zum anderen hat das Schreiben auch therapeutische Zwecke.

Die vergangenen 6 Jahre sind ein wildes Ausleben von Phantasien und das Ausprobieren verschiedenster Identitäten. Ich habe mich als Film- und Buchkritiker versucht, Lokalreporter und Meinungsbildner, Szenengänger, Poet, Chauvinist, Verschwörer, Aufrührer, Kurzgeschichtenschreiber und wohl noch vieles mehr. Die aktuelle Phase, der Umschwung in den Themen, der sich derzeit in meinen Einträgen erkennen und manch einen an meinem Verstand zweifeln lässt, ist nichts anderes als ein Ausprobieren und Ausloten einer weiteren Grenze, einer neuen Identität. Es wird sich noch herausstellen müssen, ob sie mir dauerhaft passt, mit der Zeit zu groß, oder gar zu klein wird.

Was die Therapie betrifft: Natürlich ist jeder Beitrag in gewisserweise ein Spiegel meines aktuellen Gemütszustands. Anders ginge das auch gar nicht, ich müsste sonst wohl völlig emotionslos sein. Doch ich habe gelernt, die kleinen Botschaften und Anspielungen zu chiffrieren und man müsste mich schon sehr gut kennen, um beisielsweise verlässlich deuten zu können, was mich zu Geschichten wie dem China-Reisebericht veranlässt. Auch wenn ich mir das wohl nur zu sehr wünschte, dass eines Tages eine(r) aus dem Sonnenuntergang geritten kommt, mich liest und in mir liest wie in einem Buch. Manch eine(r) ist dem schon recht nahe gekommen, geschafft hat's schlussendlich noch keine(r).

Nach neuerer Forschung entwickelt sich ja angeblich vor allem das Schreiben im Netz weg vom monologischem und egozentrischen hin zum dialogischem, sprich, mit unseren Botschaften suchen wir Netzautoren bewusst eine Öffentlichkeit. Auch wenn sie uns nur selten versteht. Und um nochmal auf die Kulturpubertät zurück zu kommen: die ist das Gegenstück der Primitivpupertät. Achtung, ich zitiere nur, das ist nicht auf meinen Mist gewachsen: Die Kulturpupertät steht für eine auf Grund höherer Bildung verlängerte Pubertät und Selbstfindungsphase, wohingegen die Primitivpupertät quasi schon früh mit dem Eintritt ins Arbeitsleben beendet wird. Da sucht sich der Jugendliche einen Job, findet sich damit ab und ändert sich oder seine Einstellung zum Leben in der Regel nicht mehr großartig. Einfacher ausgedrückt: Wer zu Gunsten einer längeren Ausbildung später ins Arbeitsleben eintritt, interessiert sich mehr für Kunst und Kultur und strebt danach, diese auch auszuüben. Und wenn man sich ansieht, wie lange ich gebraucht habe um zumindest einmal die Hand auf dieses verflixte Floß zu bekommen, erklärt das so manchen geistigen Auswuchs hier.

Am Ende ist es dann aber doch meist ein egoistischer Akt, dieses Schreiben. Auf der Suche nach meinem persönlichen Sinn und Platz im Universum zeichne ich auf, was ich für berichtenswert halte, veröffentliche es im Internet, weil ich mit Ansehen und Bestätigung erhoffe, freue mich über jeden Dialog und ertrage stoisch, wenn dieser nicht stattfindet.
Und wenn ich durch meine Archive streune, lese ich darin wie in einer Chronik meiner Gedanken, dem Auf und ab, der Entwicklung, der Erinnerung. Und finde es großartig. Und beängstigend. Weil es öffentlich ist. Ohne Öffentlichkeit aber nicht existieren würde.

Mardermolch
Mardermolch
Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

8 Comments

  1. Bayer im halben Exil sagt:

    Hauptsach, der Kragen steht :p

  2. Riley sagt:

    Doppelkragen bittesehr! Könnt man ja meinen er ist ein BWLer.
    Und ich bin ja der Meinung, dass es sich eigentlich um die Suche nach Dialog handelt, also das öffentliche Schreiben. Die Suche aber leider zumeist erfolglos verläuft. Beruhigend finde ich hingegen, dass das beim Mardermolch trotz drölfzigmal sovielen Besuchern auch nicht recht viel mehr Konversation erzeugt.

  3. Andi sagt:

    Maxi, Du hast den Beitrag doch gar nicht gelesen, sondern bist vom Bild gleich zu den Kommentaren gesprungen. Sonst hättest auf diesen Beitrag nicht ausgerechnet DAS gepostet. ;- )

    Tja Riley. That’s it. Unsere Leser sind keine typischen Blogger und deswegen meist auch nicht an Diskussion interessiert. Viele spiegeln mir im persönlichen Gespräch ausserdem auch wieder, dass sie meist gar nicht wissen, was sie da schreiben sollten. Der Schlüssel wäre wohl, uns mehr in die Blogosphäre einzugliedern. Sprich, gleichgesinnte Blogger finden, sich vernetzen, austauschen und somit auch frische Leser zu generieren. Wenns denn darum ginge.

  4. Riley sagt:

    Mir geht´s schon da drum. Aber bei unseren Blogs ist das sehr einseitig, also deine Leser zu uns zu bringen. Umgekehrt geht nur wenig, aber dafür sind die sehr loyal (wenn auch nicht kommentarfreudig).

  5. Bayer im halben Exil sagt:

    Solange ich mir nicht sicher bin, dass meine Kommentare nicht für deine Arbeit missbraucht werden, gibts nichts Tiefgründiges.

  6. Andi sagt:

    Kameradensau!

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