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Der Abschied von der Ferkelhölle

siquijor-s
Sin Cebu City, Rendevouz mit einem Walhai und die Insel der Geister.
20. September 2016
balititle-s
The Road to Bali
25. Oktober 2016
 



Kinder, wie die Zeit verfliegt. Irgendwas muss ich da wohl durcheinandergebracht haben, denn ich dachte immer, wenn man kleinkindmäßig neue Eindrücke sammelt, dauern die Tage wieder ewig. Das Gegenteil scheint der Fall, die Wochen rasen dahin als flöhen sie, beispielsweise vor der leidigen Realität, dem Winter, dem Blues oder den balinesischen Moskitos. Fast 11 Wochen bin ich nun unterwegs und es fühlt sich immer noch an, als hätte ich gestern erst meinen Rucksack gepackt. Mittlerweile habe ich wieder das Archipel gewechselt, bin zurück auf Bali und das ist gut, das mulmige Gefühl in der Magengegend hat sich als unbegründet erwiesen.
In der Chronik fehlt zunächst aber noch die letzte Episode auf den Philippinen. Ursprünglich hat ja auch mich mal der Ehrgeiz geritten, die mir zur Verfügung stehende Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen und so viel vom Land zu erkunden wie logistisch und preislich möglich war. Siquijor hatte diese Pläne mit einem trägen Lächeln vom Tisch gewischt und sich wieder in die Hängematte gefläzt. Ich folgte bereitwillig, verlängerte Tag um Tag auf der wunderschönen Feuerinsel und irgendwann war es einfach zu spät, um die lange und strapaziöse Reise nach Palawan noch auf mich zu nehmen. Stattdessen entschied ich mich für Bohol. Berühmt für seine Koboldmakis, die Schokoladenhügel und (Tauch-)Strände. Mir war klar, dass Siquijor die Messlatte so unermesslich hochgelegt hatte dass ich gar nicht erst versuchte, Bohol damit zu vergleichen. Und das sollte sich als weise Entscheidung herausstellen. Bohol ist ein gutes Beispiel für ein Paradies auf der Kippe. Man ahnt allenthalben noch, wie schön es hier einst einmal gewesen sein muss und an vielen Orten innerhalb der Insel ist alles immer noch sehr ursprünglich und wildromantisch. Aber dann gibt es da eben auch Panglao, einen kleine Insel, die sich wie eine Warze an Bohol dran klammert und mit ein paar nette Stränden und ausgezeichneten Tauchrevieren lockt. Vor allem der Alona Beach, der nach meiner Ankunft nachts und während einem wütenden, meine Rollerfahrkünste auf eine harte Probe stellenden Taifun, auch mein erstes Ziel war, war an Groteske kaum zu überbieten. Was in Vietnam in Mui Ne die Russen waren, waren hier die Koreaner. Die ganze lokale Wirtschaft war auf die in Busladungen und mit einheitlichen T-Shirts gekleideten Kicherasiaten ausgerichtet. Es gab koreanische Supermärkte, Tauschschulen, die nur koreanische Lehrer beschäftigten und überall Karaoke. Die zweite große Gruppierung die sich hier herumtrieb waren weiße, ältere Männer, die sich in Rockmusik-Kneipen mit ihren philippinischen „Freundinnen“ vergnügten. Dabei habe ich allerdings keine offen zur Schau gestellte Prostitution erlebt, keine zweideutigen Angebote erhalten, alles wirkte mehr wie Ballermann denn wie Reeperbahn. Andy, der alternde Gastwirt meines Homestays, passionierter Backpacker und Lebenskünstler, erzählte mir, dass Panglao nun auch einen internationalen Flughafen bekäme, der fast den größten Teil der Insel einnehmen würde und bereits im nächsten Jahr soll ein McDonalds an der Alona Beach eröffnet werden. Er selbst spiele mit dem Gedanken, sein Hostel hier zu verkaufen und ein neues auf Siquijor zu errichten.

 
 
 
 
 

Nach zwei Nächten hatte ich genug und machte mich auf ins Herz Bohols, zum Loboc River und den Chocolate Mountains. Ein breiter, träger und grün schillernder Fluß anstelle eines rauschenden Meeres. Handtellergroße Huntsmen-Spinnen auf dem Klo und Schlangen auf dem Gehweg. Der Ausblick von der Hängematte auf über dem Fluß insektenjagende Fledermäuse in der Abenddämmerung. Dank Nebensaison ein ganzer Schlafsaal nur für mich. Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Natürlich besuchte ich auch die berühmten Chocolate Hills und die putzigen Koboldmakis. Alles im Tross mit besagten Bussladungen voller Selfie-Koreaner. Doch wo diese wieder den selben, vielbefahrenen Highway nach Panglao zurück fahren mussten, konnte ich mit meinem Mofa von den Chocolate Hills aus weiter in den Süden cruisen und hatte dort eine der schönsten Touren meines Lebens. Eine kurvige Straße führte zunächst über ein kleines Gebirge durch ursprüngliche Dörfer voller herzlicher Einheimischer und ging schließlich in eine grandiose Küstenpassage über.
Die Hauptstadt Tagbilaran hatte übrigens auch wieder zwei Shopping Malls, eine davon mit Kino, in dem ich mir an einem Montag und um 12 Uhr Mittags The Glorious Seven zusammen mit ein paar philippinischen Rentnern angesehen habe. Auch meine letzte Nacht auf den Philippinen verbrachte ich in Cebu in der Ayala Mall mit Videospielen, Fastfood und Kino, um mich für den anstrengenden Tripp nach Lombok in Indonesien bereit zu machen. Drei Flüge mit Billigairlines und acht Stunden Nachtaufenthalt in Kuala Lumpur lagen vor mir. Aber am Ende wartete auch die Begegnung mit einem guten Freund und von da an sollte sich meine Reise nochmals grundlegend verändern…

In der Retroperspektive sind mir die Philippinen trotz holprigem Start ungemein ans Herz gewachsen. Hier war kaum etwas so ich wie es erwartet hatte, statt Armut und Naturbelassenheit erlebte ich brodelndes Leben, gigantische Shoppingmalls, herzliche Einheimische, verrückte Pimp-my-Ride-Busse, Fleischenthusiasten, Fiestafestischisten, die Ferkelhölle, ungeniertes Rotzen und Gähnen, Lächeln und Feiern, ein Land im Umbruch, tiefen Glauben und Aberglauben, wunderschöne, unberührte Natur, glasklares, warmes Meer, Walhaie, puschelige Schlafaffen, leere Traumhighways, Dämonen und Heiler und die unbändige Sehnsucht, bald wieder zurückzukehren.

 
 
 
 
 
 
Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

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