
Wer meinen euphorischen Bericht über Spartacus: Blood an Sand noch in Erinnerung hat, weiß, wie sehr mich die Serie begeistert hat. Am Ende des Beitrags fragte ich, wie man die erste Staffel noch toppen könnte. Mit mehr Gewalt? Noch mehr Sex? Oder gar mehr Geschichte? Aufgrund der Erkrankung des mittlerweile verstorbenen Spartacus-Darstellers Andy Whitfield konnte das Produktionsstudio zunächst keine weitere Season drehen. Sie griffen also zu einem Kniff und erzählten in Gods of the Arena die Vorgeschichte der ersten Staffel: wie wurde das Haus Batiatus zur angesehenen Gladiatorenschule? Welche waren die Weichen für die Ereignisse in Blood and Sand? Darum drehen sich sechs (langen) Folgen einer Laufzeit von zirka sechs Stunden. Und ich beantworte mir meine Eingangsfragen gleich selbst: Zuallererst toppt Gods of the Arena seinen Nachfolgervorgänger durch neues Personal. Andy Whitfields Spartacus war zwar eine passable Figur, in seiner Motivation aber doch recht eindimensional und berechenbar bis zum Schluss, zudem weit hinter der Komplexität des restlichen Casts. In Gods of the Arena bekommt der Zuschauer gleich zu Beginn den amtierenden ‚Champion‘ des Hauses Batiatus vorgesetzt: Gannicus, fantastisch verkörpert vom mir bis dato noch völlig unbekannten Dustin Clare. Der ist ganz anders als Spartacus: Gnadenlos von sich selbst überzeugt, berechtigterweise, unverschämt gutaussehend, süchtig nach dem Jubel der Menge, er hat sich längst abgefunden mit seinem Schicksal. Er darf über die sechs Folgen eine Verwandlung zur tragisch-symphatischen Figur durchmachen, die zwar auch keinen Komplexitätspreis gewinnt, aber auch niemals aufgesetzt wirkt. Ausserdem entspinnt sich im Wechselspiel mit dem bereits aus Blood and Sand bekanntem Charakter des Oenomaus aka Doktore eine angenehme Intensität, deren Schau stellenweise nur noch Crixus Werdegang zum neuem Champion stehlen kann. Spätestens hier dürfte klar sein: Auch wenn Gods of the Arena das Prequel ist, mehr Spaß hat man damit sicherlich, wenn man Blood and Sand bereits kennt. Zum illustren Cast gesellen sich auch wieder John Hannah als der junge Batiatus und Lucy ‚Xena‘ Lawless als Lucretia. Deren Rollen sind natürlich wieder für die römischen Intrigen zuständig. Das kann spannungstechnisch nicht ganz mit den Gladiatoren-Parts mithalten, da das Ergebnis der Ränkespiele durch Blood and Sand ja bereits bekannt ist, spaßig ist‘s aber dennoch zu sehen, wie die Schachfiguren in Stellung gebracht werden.
Man kann nicht über Spartacus schreiben, ohne Sex und Gewalt zu thematisieren. Was erstere betrifft: Gods of the Arena setzt hier tatsächlich noch einen drauf. Das Gezeigte dürfte einem Soft-Porno in nichts nachstehen, besonders interessant ist die (erweiterte) Zeigefreudigkeit des Hauptpersonals. Hielt sich Lucy Lawless beispielsweise in Blood and Sand noch meist vornehmlich zurück, zieht sie in Gods of the Arena (wohl wissentlich um den Erfolg der Serie) mehrmals blank, und darüber hinaus wird munter kopuliert, masturbiert, begattet und vergewaltigt. Im Gegensatz zur Gewalt hat sich der Sex also durchaus gesteigert. Die Gewalt wird in Gods of the Arena feiner dosiert. Zwar beginnt die erste Folge gleich wieder mit einem ordentlichem Gemetzel, das mit einem an den Mundwinkeln abgetrenntem Kopf endet, ab dann bleibt’s aber bei dekorativ zerschnibbelten Kehlen. Das ist zwar nach wie vor nichts für zarte Seelen und das Blut fließt hektorliterweise, der Trend aus Blood and Sand, dass jede Folge mit einer noch spektakuläreren Szene aufwartet, wird aber nicht fortgesetzt. Erst ganz am Ende, im letzten Kampf, als ich schon dachte, dass das doch insgesamt alles im Direktvergleich recht zärtlich daherkam, rotzt Gods of the Arena einen finalen Hammer raus, der selbst meinen nun doch recht abgehärteten Magen in Wallung versetzt hat.
Und nun die unvermeidliche Frage: Braucht’s das denn wirklich, dieses Extreme? Und die Antwort lautet: Nein, natürlich nicht. Aber es macht unverschämten Spaß. Gods of the Arena erschafft, genauso wie Blood and Sand durch seine verschwenderische Ausstattung, ein, abgesehen vom größtenteils blendendem Aussehen der Figuren, authentisches und intensives Szenario eines Stücks Zeitgeschichte, das meiner Vorstellung und wahrscheinlich auch der geschichtlichen Realität ungleich viel näher kommt als alle bisherigen Behandlungen des Stoffs. Vielleicht regen sich da mir auch archaische Urinstinkte, ein Teil in mir findet es sicher ganz prima, Gladiatoren beim Schlachten und Poppen zuzusehen und wenn ich selbst schon keine ausladenden Orgien feiern und ungeliebte Mitmenschen in düsteren Hintergassen windelweich prügeln kann, dann schaue ich zumindest im TV dabei zu. Außerdem werden die Extreme durch die sympathischen Figuren geerdet, selten verkommt das Gezeigte zum reinen Selbstzweck.
Muss man Gods of the Arena also nun gesehen haben? Ich bin der Meinung: Unbedingt, WENN man
- Spartacus: Blood and Sand bereits kennt
- sich nicht an überborderter Gewalt- und Sexdarstellung stört
- schon immer eine(n) Haussklavin/en haben wollte, aber das aus ethnischen Gründen nicht verwirklichen kann.
- über gute Englischkenntnisse verfügt, denn Gods of the Arena hat nicht einmal englische Untertitel, und trotz viel Kämpferei wird sicherlich noch mehr palavert. (hier kaufen)
In diesem Sinne: Aliena vitia in oculis habeamus, a tergo nostra.
