
Ein fetter, schampus-trinkender Russe sitzt an einer Poolbar und hat ein Auge auf eine attraktive Frau in einem tief ausgeschnittenem, roten Monokini entdeckt. Er winkt ihr träge mit einer Handbewegung zu, die Frau, von herber asiatischer Schönheit, erblickt ihn, zieht ihre High Heels am Beckenrand aus, watet zum fetten Russen, streicht ihm mit der Hand über die behaarte Brust und bricht ihm das Genick. Dann erdolcht und erschießt sie im Badeanzug noch die heranstürmenden Bodyguards, liefert sich eine kleine Prügelei, bei der sie natürlich keine einzige Blessur davonträgt, und flüchtet schließlich.
Die Nikita-Neuauflage in Serienform wird sicher keinen Emmy gewinnen. Dafür ist sie zu platt konstruiert, zu oberflächlich, zu vorhersehbar. Aber sie schafft etwas, was andere, hochdekorierte Serien nur noch selten vermögen: dank konstant hoher Spannung und launiger Action von der ersten Folge an zu fesseln. Wer kennt nicht den Spruch, der meist mit der Empfehlung einer neuen Serie einhergeht: „Die ersten Folgen musst überstehen, dann wird’s ganz prima, echt jetzt!“ Nun, Nikita steigt in der ersten Minute aufs Gas und bremst erst in der letzten der satte 22 Folgen umfassenden ersten Staffel.
Der Clou an der Geschichte: der alte Plot um das zur Killerin ausgebildete Waisenmädel, das ihren Auftraggebern entfleucht und fortan gegen sie arbeitet, wird um eine weitere starke Frauenfigur ergänzt. Folgerichtig könnte die Serie auch Nikitas heissen. Maggie Q spielt die Senior-Nikita als verboten lasziven Vamp mit unerschöpflichem Kleider- und Waffenschrank, die herzallerliebst bezaubernde Lyndsy Fonseca ist ihr Zögling und das harmoniert alles ganz prächtig. Gemeinsam möchten die beiden eine geheim geheime und korrupte Regierungsabteilung namens Division zu Fall bringen, ein von Männern dominierter Verein (von denen vor allem die von Shane West verkörperte Figur des Michael auch Frauen genug Augenfutter liefern sollte), der junge Menschen zu Killern ausbildet und sie für ihre Zwecke missbraucht. Der Grundtonus der Serie kommt bierernst daher, geschmunzelt wird nur selten, großartig dramatisch wird’s aber nie. Schließlich hat wieder mal McG1 als Produzent seine Finger im Spiel. Warner Bros.-typisch gibt’s keine nackten Tatsachen und auch in Punkto Gewaltdarstellung kommt Nikita eher harmlos daher2. Warum’s trotzdem funktioniert ist der Kurzweiligkeit zu verdanken. Die Figuren-Konstellationen sind angenehm kompakt und übersichtlich, ausnahmslos gut besetzt und es werden munter die Seiten gewechselt, völlig egal, ob das nun gerade Sinn macht oder einer Logik gerecht wird. Letztere ist eh nur ein seltener Gast, wer nicht schon nach kurzem aufhört, gewisse Mechanismen, vor allem das omnipräsente Rachemotiv betreffend, zu hinterfragen und die vom Plot aufgestellten Prämissen als Vorwand für die nächste Schieß- oder Schlägerei zu akzeptieren, wird Nikita ab der Hälfte der Laufzeit erbost in die Tonne treten.
Für wen taugt’s also nun? Für alle, die gerne schönen Menschen dabei zusehen, wie sie Dinge kaputt machen und sich gegenseitig verprügeln. Für alle, die eine kurze Auszeit zwischen zwei geistig fordernden Werken, in denen die Akteure zum Höhepunkt ihre Namen tanzen, benötigen. Für alle, die James Bond und Jason Bourne für Schwächlinge halten und schon immer der Meinung waren, dass diese Rollen besser von hübschen Frauen verkörpert werden sollten. Und für jene, die des Englischen mächtig sind, denn Nikita gibt’s vorerst nur als Import von unseren Freunden auf der Insel.
- McG hat seine Finger meist dann drin, wenn’s irgendwo nach oberflächlich-unterhaltsamer Action riecht. Jüngst als Produzent bei Supernatural, Chuck, Human Target oder als Regisseur des vierten Terminator-Streifens. ↩
- Das Studio hat hat zwar mit Gilmore Girls, Veronica Mars oder Smallville viele gute Serien veröffentlicht, traditionell sind die aber stets auf ein kompatibles Massenpublikum zugeschnitten. Ganz anders als beispielsweise die experimentierfreudigeren Studios wie HBO (Rome), Starsz (Spartacus) oder Fox (The Walking Dead). ↩
