Ich möchte Euch noch ein weiteres, ganz wundervolles Buch ans Herz legen: Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit (kauf mich). Die Lebensgeschichte von John Franklin, der unglaublich langsam ist, sich davon aber nicht beirren lässt und seinen Lebenstraum, zur See zu fahren, wahr macht, berührt zutiefst, erhellt, rüttelt auf und verändert die Art und Weise, wie man Zeit erleben kann.
Obwohl das Buch streckenweise recht sperrig geschrieben ist, verfügt es über einen ganz eigenen Stil und am Ende ist es dann doch die Sprache, die einen immer und immer wieder zwingt, eine Passage noch einmal zu lesen um sie vollends zu verstehen, bis man als Leser endlich in einen bedächtigeren Modus wechselt, sich Zeit nimmt. Dann entfaltet das Werk seine volle Kraft, zieht einen unweigerlich in seinen Bann und lässt einen bis zur letzten Seite nicht mehr los.
Allein die Beschreibung eines Geschlechtsaktes ist das Lesen schon wert:
Marys Gesicht hatte um die geschwungenen Linien herum mehr Falten bekommen. John sah auf ihren atmenden Körper. An den Unterarmen glänzten feine, zarte Härchen gegen das Licht. Dieser Flaum war das Stärkste, er tat mit John viel. Große Dinge kamen in Gang. „Mir ist wie eine Sinunskurve, aller steigt immerzu!“ Bald vergaß er die Geometrie und wusste stattdessen, dass auf der Welt vieles wieder gut werden konnte und dass zwei Menschen genügten, um es zu bewerkstelligen. Er sah eine himmelfüllende Sonne. Paradoxerweise war sie zugleich das Meer und wärmte eher von unten als von oben. Vielleicht ist so die Gegenwart, wenn sie einmal nicht davonläuft, dachte John.

Nach “Liebe in Zeiten der Colera” hab ich mir geschworen, keine Bücher mehr zu lesen, die Langeweile und Langsamkeit zum erklärten Inhalt haben.
Aber als alter Segelschiffsfreund hab ich eine kleine Hintergrundinfo zum Bild auf dem Cover. Es handelt sich um “Die letzte Fahrt der Temeraire” von William Turner. Die Temeraire war eines der Linienkriegsschiffe, die 1805 unter Nelson die Schlacht vor Trafalgar gegen eine spanisch-französische Übermacht gewonnen haben. Nach der Außerdienststellung wird sie von einem Dampfer zum Abwracken geschleppt. Das Bild gilt als Sinnbild des Wandels von Segel- zu Dampfschiffen und (frei interpretiert) von alten Helden, deren Zeit vorüber ist.
Abgesehen davon ist es einfach schön.
Schöne Geschichte!
Auch das Buch handelt von der Ablöse der traditionellen Segelschifffahrt durch sie Dampfschifferei, insofern ist das Titelbild schon richtig gewählt.
Was Du alles weißt…