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Sin Cebu City, Rendevouz mit einem Walhai und die Insel der Geister.

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Cebu Sin City

Draußen 35 Grad, drinnen gefühlte 15. Und aus den Lautsprechern der Ayala Mall dröhnte Last Christmas in einer quengeligen Asia-Pop-Version. Als ob der Song an sich nicht schon pure Folter für die Gehörgänge und das Gehirn darstellen würde. Ich glaube, nirgendwo sonst auf der Welt wird Weihnachten so intensiv gefeiert wie auf auf den Philippinen. Ab September beginnen die hier, alles weihnachtlich zu dekorieren und rund um die Uhr ihre asianisierten Versionen westlicher Weihnachtslieder zu spielen. Was ich in einer Shopping Mall gemacht habe? Ich finde die Dinger geil. Jedesmal wenn ich in eine asiatische Großstadt komme mache ich zwei Sachen: Shopping Malls besuchen und alles ignorieren was die Reiseführer empfehlen.

Obwohl mich die Ayala Mall mit ihrer Größe schier erschlug, war sie nicht einmal das größte Einkaufszentrum Cebus. Aber bestimmt immer noch fünfmal so groß wie die Riem Arkaden in München. Vom Auto über eine Zementmischmaschine über perfekt gefaktes Lego bis hin zu Kleidern für alle Lebenslagen konnte man hier alles kaufen. Und natürlich gab es eine überdimensionierte Fressmeile, in der man neben internationalem Fastfood auch jede Menge einheimische Leckereien schlemmen konnte. Viel zu viele um sich für eine zu entscheiden, eine ungeheure Qual für einen unentschlossenen hungrigen Magen. Natürlich braucht so eine Mall auch ein eigenes IMAX-Kino und eine Spielhalle. Einen wunderbaren Nachmittag lang ließ ich mich durch die Geschäfte treiben, verirrte mich unzählige Male und entdeckte immer wieder neue, verrückte Geschäfte. Nur die strengen Gepäckbestimmungen der Billig-Airlines und mein ohnehin schon viel zu schwerer Rucksack hielten mich vom Kaufrausch meines Lebens ab.

Zurück in meinem Backpacker-Hostel (nachdem ich die letzten zwei Nächte auf Siargao auch in einem solchen verbracht habe, war ich endlich auf den Geschmack gekommen) packte mich dann der Rappel. Ausser ein paar Chinesen, deren Nasen mit ihren Smartphones magnetisch verbunden waren, hing dort niemand herum und ich hatte den Schlafsaal für mich alleine. Da ich aber unbedingt Party machen wollte (es war Donnerstag Abend, 10 Tage einsame Insel lagen hinter mir), zog ich los um das Nachtleben der Stadt zu erkunden. In der ersten Bar war ich der einzige Gast, in der zweiten der einzige Single unter dutzenden Pärchen. Inmitten eines zum Kotzen romantischen Gartens mit pinken Lichterketten in den Bäumen und zwei schmachten Gitarristen, die mit solcher Inbrunst Liebeslieder klampften, dass der Schmalz laut klatschend von den Saiten tropfte. Das muss ungefähr der Punkt gewesen sein, an dem mir die Hutschnur geplatzt ist, denn dann fasste ich den ziemlich dummen Entschluss, den Mango Square aufzusuchen. Der Fahrer des Motorradtaxis grinste anzüglich als ich ihm mein Ziel nannte und fragte mich während der fünfzehnminütigen Fahrt mehrmals: „Wanna haf a filipin görl?“ und schnalzte mit der Zunge. Als er mich schließlich am Mango Square absetzte, stürzte sich sofort eine Rotte Filipinos auf mich, die mir „Sör, wann haf a filipin görl?“, oder „Sör! Wonna go tu Bikinibar?“ und „Sör, wonna bai samsing tu smook?“ zuriefen. Einer von ihnen erwies sich als besonders hartnäckig, stellte sich mir als Dennis vor, hatte ein herzliches Grinsen von einem Ohr zum anderen im Gesicht und mit seinem schiefen Baseball-Käppi reichte er mir vielleicht allenfalls zur Schulter. Er eroberte mich und zerrte mich stolz aus dem Pulk der anderen Promoter heraus. Der Mango Square war für Cebu City das, was die Reeperbahn für Hamburg oder Pattaya für Phuket war. Hier sammelte sich das Partyvolk und die Sextouristen. Vor jedem Schuppen warteten hübsche Mädchen, die einen in das jeweilige Etablissement zu locken versuchten. Dennis buxierte mich zielstrebig an ihnen vorbei und versuchte mit zunehmender Verwirrung, mir die Vorzüge der einheimischen Frauen schmackhaft zu machen. Es ging ihm wohl nicht in den Kopf, dass er hier tatsächlich einen weißen, männlichen, alleinreisenden Ausländer an der Angel hatte, der darauf beharrte, einfach nur ein Bier in einer netten Bar trinken zu wollen. Schließlich fand er den für sich einzig sinnvollen Kompromiss und schleppte mich in eine Bikinibar. Beziehungsweise, er versuchte es. Denn die Türsteher warfen ihn nach einem kleinen Handgemenge schnurstracks zurück auf die Straße. Ich hörte ihn noch rufen „enschoi, ai wät fo ju hir!“, dann verschluckte mich die Dunkelheit der Bar. Eine mollige Filipina Mitte Vierzig trat aus dem Schatten und stellte sich mir als „Mama“ vor, dann hieß sich mich, auf einem Ledersessel vor der Bühne Platz zu nehmen. Ein adrett gekleideter Kellner drückte mir eine Menükarte in die Hand und ich orderte das billigste Getränk, ein Bier, das hier doppelt so teuer wie sonst war (also zwei statt einem Euro). In diesem Moment teilte sich der Vorhang und spuckte zwei junge Mädchen in blauen Bikinis aus, die auf „Bitchheels“ mit einem unsagbar gelangweilten Blick zu schlechtem Elektrogedudel herumnudelten. In Bikinibars war nix mit nackig machen. Das mochten die Filipinos nämlich nicht. Das Spiel funktionierte hier hingegen so: jede der „Tänzerinnen“ hatte eine Nummer am Slip, über die man ihr Getränke ausgeben konnte oder sie am besten für den Abend freikaufte. Das bedeutete dann allerdings lediglich, dass die Dame den Rest des Abends frei hatte und NUR wenn sie mochte, konnte sie den Abend mit ihrem Gönner verbringen. Dafür standen dann auch Separees, die hier Karaoke-Räume genannt wurden, zur Verfügung. Ob man dort wirklich nur Karaoke singen konnte, wollte ich allerdings nicht herausfinden. Irgendwie fand ich das ganze System so putzig, dass ich dem Kellner nicht einmal böse sein konnte, als er neben dem Bier auch noch 100 Peso Eintritt von mir kassierte. Weil ich nach zehn Minuten immer noch untätig herumsaß und an meinem Bier nuckelte, fühlte sich die Mama veranlasst, sich nach meinen Vorlieben zu erkundigen. Sie setze sich neben mich, und zwar so eng, das kein Stück Papier mehr zwischen uns gepasst hätte. Nachdem ich wieder etwas Sicherheitsabstand zwischen uns gebracht hatte, versicherte ich ihr, dass ich absolut kein Interesse daran hätte, eine ihrer Damen einzuladen. Wenn sie mir allerdings ein Fotomodel empfehlen könnte, wäre ich nicht abgeneigt. Das wiederum war sehr, sehr unbedacht von mir. Denn daraufhin lief die gesamte Riege Mädchen des Schuppens vor mir auf und präsentierte mir ihre Vorzüge. Nicht wenige betonten, was für ein „handsome guy“ ich doch wäre und als ich den Blick durch den Raum schweifen ließ und nur dicke, alte Japaner und drei ziemlich abgefuckt wirkende Weiße erspähte, war ich sogar geneigt, ihnen zu glauben. Und eines der Mädel war tatsächlich bildhübsch. Mit langen, schwarzen Haaren, dunklen Augen, vielleicht Mitte Zwanzig, einem elfengleichem Gesicht und einem Slip, der hinten so weit ausgeschnitten war, dass er die Hälfte ihres nahezu perfekten Hinterns entblößte. Engel und Teufel rüsteten sich zum altbekannten Theater. Niemand würde es jemals erfahren, wenn ich hier meine ersten Erfahrungen mit käuflicher Liebe machen würde, flötete der Teufel. Und ich könnte mir das ohne Probleme leisten, der Einsatz wäre sehr überschaubar. Der Engel wies mich nachdrücklich darauf hin, wie unmoralisch es wäre, das arme Mädchen auszunutzen, wie verwerflich die philippinische Sexindustrie sei und wo den überhaupt verdammt nochmal mein Anstand und meine Würde abgeblieben wären. Der Teufel entgegnete, dass ich dem Mädchen einen Gefallen tun würde, wenn sie statt meiner dann nicht mit einem der feisten alten Säcke rummachen müssen würde. Ich weiß nicht, wie die Diskussion ausging, denn ich bin vorzeitig aus dem Schuppen geflohen und habe die beiden alleine weiter debattieren lassen. Draußen wartete grinsend Dennis und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen als ich ihn im wörtlichen Sinn gefragt habe, ob er von einem wilden Affen gebissen worden sei dass er mich in so einen Laden gebracht hatte. Ob’s den hier keine Reggae-Bar oder dergleichen gab, wollte ich wissen, immer noch nicht bereit, aufzugeben und den Abend für gescheitert zu erklären. Er führte mich in eine Bar, in der eine sechsköpfige Filipino-Band sich an grauenhafter Rockmusik versuchte und ich gab Dennis ein Trinkgeld, damit er sich endlich vom Acker machte und meinen Absacker trinken konnte. Natürlich befand sich auch hier kein adäquater Gesprächspartner mit Ausnahme, welch Ironie, dreier Chinesen, die in ihre Smartphones stierten. Nachdem ein karaokeschmetternder Ladyboy die Band abgelöst hatte, gab ich auf. Mittlerweile war es nach 2 Uhr morgens und mir dämmerte, dass ich ja noch irgendwie zurück zu meinem Hostel kommen musste. Etwas mulmig machte ich mich also auf den Weg, war jedoch nicht allzulange alleine. Kaum hatte ich die Kneipe verlassen, schlossen sich mir zwei Damen an. Zumindest hoffte ich, dass es sich um Damen handelte. Bei einer der beiden war ich mir ziemlich sicher, die andere hatte verdächtig große Hände. Meinen Hinweis, dass ich keinerlei Interesse an Prostituierten hätte, wischten sie lachend vom Tisch und versicherten mir, dass sie sich lediglich gerne mit Ausländern unterhalten würden, vor allem wenn diese so gut aussähen wie ich. Ich erwiderte, dass sie dringend an ihren Ausreden arbeiten müssten und bot den beiden an, auf ein letztes Bier in eine Bar einzukehren. Die Bar ihrer Wahl hatte natürlich zu und nach ihrem Angebot, mit mir auf mein Hotelzimmer zu kommen, riss mir der Geduldsfaden. Ich ließ die beiden, jetzt lauthals zeternden Schnallen stehen und stapfte missmutig und milde alkoholisiert fast eine Stunde lang durch die schlafende Stadt in mein Hostel zurück. Dort hatte ich im Schlafsaal Gesellschaft bekommen, ein alter Japaner schlief im Hochbett nebenan und schnarchte, als gälte es die Olympiade im Sägen zu gewinnen. Jeder seiner Atemzüge schepperte wie ein explodierender Motor. Ich ließ all meinen Frust an seinem Bettgestell aus indem ich heftig dagegen trat. Das darauf folgende Erdbeben stellte ihn für den Rest der Nacht ruhig.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Rendezvous mit einem Walhai

Auf meiner Liste der fünf Dinge, die ich in meinem Leben tun möchte, bevor ich sterbe, ist ein Punkt das Tauchen mit einem Walhai. Damit hätte ich vier Aufgaben abgehakt. Nachdem es in Indonesien damals nicht geklappt hatte, bot sich mir mit Oslob eine einmalige Gelegenheit, mir diesen Traum endlich zu erfüllen. Hier werden die friedlichen Riesen nämlich von Fischern angefüttert und sind deshalb recht verlässliche Besucher der Bucht. Nun kann man vom Anfüttern halten was man will, ich verstehe durchaus das Argument dagegen, dass es sich um einen Eingriff in die Natur handelt, andererseits zwingt die Viecher auch niemand, hierher zu kommen. Kein Zaun hält sie, wenn sie genug vom Trubel haben, verschwinden sie einfach wieder in den Tiefen des Ozeans. Für 1500 Peso (500 für Einheimische), kann man sich mit den gewaltigen Fischen das Meer teilen und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Begleitet hat mich Avril, die ich tags zuvor in Cebu kennengelernt habe und die mit mir nach Siquijor für ein Fotoshooting kommen wollte. Es war praktisch, eine Filipina an meiner Seite zu haben, die sich mit den Einheimischen besser verständigen konnte als ich und die mir so manche Touri-Falle erspart hat. Dafür lud ich sie auf den Schnorchel-Trip ein. Es war ein seltsames Gefühl, von diesem wackeligem Boot aus die gewaltigen Schatten unter sich vorbeiziehen zu sehen. Da schalten sich uralte Instinkte ein und der Fluchtreflex wird beinahe übermächtig. Ab und an durchstieß eine der Rückenflossen die Wasseroberfläche und hätte die Sonne nicht so schön geschienen und wäre das Wasser nicht so herrlich blau und klar gewesen, ich weiß nicht ob ich am Ende die Hosen nicht zu voll gehabt hätte um wirklich hinunterzutauchen. Als ich endlich unter Wasser war und der erste Riese anmutig an mir vorbeizog, vergaß ich schlicht, dass ich ja einen Schnorchel hatte und hielt einfach nur die Luft an. Zwischen fünf und zehn Walhaie befanden sich in der Bucht und labten sich an den kleinen Krebsen, die die Fischer ins Meer gekippt hatten. Den größten von ihnen schätzte ich auf etwa 10 Meter. Immer wieder zogen die Tiere weite Kreise um die Boote und die Taucher und kamen mir viel näher, als es die Guides am Strand erlaubt hätten. Maximal vier Meter dürfte ich mich den Viechern nähern. Die Walhaie wussten das allerdings nicht und wahrscheinlich ebenso wenig, wie lange vier Meter waren. Weil Avril und ich so früh aufgebrochen waren, hatten wir Glück und teilten uns das Spektakel mit einer überschaubaren Gruppe anderer Taucher. Die Zeit unter Wasser erlebte ich wie im Rausch. Immer wieder stieß ich hinab und versuchte, mit den Walen mitzuhalten, sie eine kurze Zeit lang zu flankieren, wie es die zahlreichen kleinen und größeren Fische um sie herum taten. Am Ende musste mich der Guide regelrecht aus dem Wasser zerren um mich ans Land zurück zu bugsieren. Gerade rechtzeitig, ehe eine Bussladung aufgeregt schnatternder Japaner anrückte, ausgestattet in bunte Ganzkörperschnorchelanzüge. Die Walhaie würden den Schock ihres Lebens bekommen.

 
 
 
 

Siqujor - Die Insel der Geister

„Geh nicht nach Siqijor, da spukts!“ sagten viele Filipinos. Ein eigenartiger Ruf hing der Feuerinsel an. Dort hielten sich angeblich besonders viele Heiler und Hexen auf, manche sollten Voodoo betreiben und man konnte allerlei Tränke kaufen oder sogar jemanden verfluchen lassen.
Folglich waren es nicht allzu viele Passagiere, die mit Avril und mir mit der kleinen Fähre übersetzen wollten. Nach einer dreistündigen Höllenfahrt über eine sturmgepeitschte See wusste ich auch warum und viel hätte nicht gefehlt, dass sich auch mein Magen umgestülpt hätte. Ich hatte immer noch Avril im Schlepptau und ihr zu Liebe mietete ich uns in ein angenehmes Hotel mit romantischem Häuschen direkt am Strand ein. Das Shooting sollte erst tags darauf stattfinden und weil wir das Hotel mangels anderer Gäste ganz für uns allein hatten, hatten wir alle Zeit der Welt uns zu akklimatisieren und uns „aneinander zu gewöhnen“. Schon bei der Hinfahrt zum Hotel war mir aufgefallen, wie schön diese Insel war. Und als wir sie am nächsten Tag mit dem gemieteten Roller erkundeten, entfaltete sie ihre ganze Pracht. Siquijor ist ein vor Charme schier überquellender Ort. Ein tropisches Paradies wie aus dem Bilderbuch. Wo Siarago der eher spröde Schick einer einsamen Insel umgeben hatte, explodierte Siquijor schier vor Farben, Frohsinn und Lebensfreude. Ich hatte eine freakige Spukinsel erwartet und war mitten im Paradies gelandet. Und zwar diesmal in einem, das mich vom ersten Moment an abgeholt, aufgenommen und vereinnahmt hatte. Nachdem ich Avril nach vollbrachtem Fotoshooting wieder zum Hafen gebracht und verabschiedet hatte, zog ich in ein gemütliches Backbacker-Hostel und lernte dort Khan kennen. Khan war Japaner, den aber selbst die Einheimischen aufgrund seiner braunen Haut und den langen Haaren meist für einen Filipino hielten. Und natürlich weil er allein unterwegs war und nicht wie sonst für seine Landsleute üblich in einem Rudel. Ausserdem reiste Khan ultralowbudget. Von ihm lernte ich, dass man an speziellen Zapfsäulen für einen Peso seine Wasserflasche wieder auffüllen konnte. Oder wo man in den Restaurants der Locals das günstigste Essen bekam. Khan war so sparsam, dass er abends das Bier von den kleinen Läden ausserhalb in Literflaschen in die Bar unseres Hostels schleppte, weil er dadurch 50 Peso sparen konnte. Und ich wurde sein Schüler. Zumindest einen Tag lang, dann wurde es mir zu blöd. Aber spannend war sein Konzept, mit nur 6 Euros am Tag auszukommen und dafür zu hungern und auf jeden Luxus (ausser Bier) zu verzichten allemal. Mit meinem Mofa umrundeten wir die Insel und klapperten alle Must-See-Spots Siquijors bequem an einem Nachmittag ab. Und am Abend eskalierten wir zusammen mit den Angestellten unseres Hostels in einer nahen Dorfdisco. Techno bei gefühlten 40 Grad, Red Horse-Bier und Vollmond.

Aber eigentlich war ich ja aus einem anderen Grund hergekommen. Es stimmte, im Zentrum der Insel hielten sich tatsächlich eine Menge Heiler und Heilerinnen auf. Also machte ich mich mit nichts als dem Namen zweier Orte auf in die Berge. Ich ignorierte die Warnungen der Einheimischen, die ich nach dem Weg fragte, und steuerte meinen klapprigen Roller die löchrige Straße hinauf nach San Antonio. Die Szenerie wandelte sich zusehends vom tropischen Strand zum Urwald. Immer wieder durchquerte ich kleine Siedlungen mit verfallenen Häusern. Passenderweise hatte es an diesem Tag geregnet und ein diesiger Nebel hing in der Luft. Aber immer, wenn es zu unheimlich werden drohte, lief mir jemand fröhlich lachend und winkend über den Weg. Die Filipinos waren so lieb und freundlich, am liebsten hätte ich mir ein paar von denen eingepackt und mit nach Hause genommen. Um die dort anzusiedeln in der Hoffnung, dass sich ihr Frohsinn und ihre Unbekümmertheit auf die Deutschen überträgt.
In San Antonio angekommen fragte ich ein paar Einheimische, die vor einer Schule herum lümmelten, wo ich hier einen Heiler finden könnte. Eine Frau sprang spontan auf mein Mofa und verkündete mir, dass sie mich hinführen würde. Ein paar Ecken weiter landeten wir schließlich vor einem Häuschen am Ende einer Straße. Nachdem meine Führerin ein paar energische Worte ins innere der Hütte geschrien hatte, tauchte plötzlich ein verschlafener und sichtlich genervter, ausgemergelter Mann auf. „Hilor“ verkündete meine Führerin stolz. Was mir denn fehle, wollte der Heiler wissen. Gute Frage. Eigentlich nichts, zumindest litt ich unter keinem akutem physischen Schmerz. Ausserdem war mir die Situation zugegebenermaßen etwas suspekt. Also verkündete ich spontan, dass ich gerne wieder würde lieben können. Oder überhaupt lieben, wie auch immer. Irgendwas musste allerdings im Kommunikationswirrwar untergegangen sein, denn der Heiler grinste plötzlich anzüglich und sagte: „Ah! You need Love Poison!“ Auf meine Nachfrage, um was es sich dabei genau handelte, erklärten die beiden mir, dass ich damit jede Frau dazu bringen könne, dass sie sich in mich verliebe, inklusive verloren geglaubter Partner. Und das ganze für günstige 500 Peso! Ich verzichtete trotzdem dankend und verabschiedete mich.
Da die andere Heilerin des Dorfes grad ausser Haus war fuhr ich in den nächsten Ort und fragte dort wieder eine Passantin nach einem Heiler. Auch sie kannte einen, passenderweise ihre Cousine und sie bot mir an, mich hinzuführen. Das baufällige Haus befand sich ebenfalls weit vom Schuss und ohne jede Kenntlichmachung irgendwo im Dschungel. Ich muss gestehen, dass ich den Namen der Schamanin vergessen habe, aber sie entsprach weit mehr dem Bild, dass ich von einer Heilerin hatte. Also alt und runzelig. Nachdem ihr Ehemann, der im selben Raum auf einem kleinen Fernseher in ohrenberstender Lautstärke eine Dwayne Johnson-Film guckte, gnädigerweise den Ton etwas leiser stellte, begann die Behandlung. Auch ihr erzählte ich die Geschichte mit der verlorenen Liebe und sie war sich, nachdem sich mit am Kopf und im Nacken berührt hatte, sicher, dass ich einen bösen Geist in mir hätte. Also stellte sie einen Topf mit glühenden Kohlen unter meinen Plastikhocker und streute Gewürze und irgendwelche Pulver über die Flammen. Sie machte mir also buchstäblich Feuer unterm Hintern. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, stülpte sie ein weisses Tuch über mich und fertig war das Räucherhäuschen. Immerhin roch der Rauch recht angenehm und mit ihm sollten sich laut der Schamanin auch alle böse Einflüsse und Geister in mir verziehen. Dann drückte sie mir einen Talisman in die Hand, den ich IMMER tragen sollte, allerdings NICHT wenn ich auf einen Friedhof ginge, denn dort würde er böse Geister anlocken und nähren. Der praktischste Tipp lautete: Vergiss die Vergangenheit, lebe nur im Hier und Jetzt.
Wie alle richtigen Heiler verlangte sie kein Geld. Man konnte allerdings etwas spenden, soviel einem eben die Behandlung wert war.
Die nächste Heilerin fand ich ebenfalls wieder über eine Empfehlung. Eine Passantin kritzelte ihren Namen und ihren eigenen auf einen Zettel und drückte ihn mir mit den besten Wünschen in die Hand. Nach kurzer Suche fand ich dann die Hütte von Juanita Torremoch. Juanita war viel jünger als die Heilerin zuvor, ich schätzte sie auf Anfang vierzig. Mit ihrem Rotkreuz-T-Shirt und den weiten Shorts sah sie überhaupt nicht mystisch aus und fast war ich ein wenig enttäuscht. Vor ihrer Hütte saßen ein paar Männer beim ratschen, allesamt Cousins oder Brüder. Das Innere entsprach dann schon eher meinen kruden Erwartungen. Das kleine Haus war vollgestopft mit allerlei religiösem Tand, zahlreichen Marienfiguren, Jesusbildnissen, Kerzen und Kunstblumen. Eine uralte Frau mit einem Wickel um ihren Kopf saß auf einem Sofa und stierte mich mit glasigen Augen an. Ich musste mich wieder auf einen Plastikhocker setzen und nachdem Juanita meinen Puls überprüft und zufrieden genickt hatte, machte auch sie mir wieder Feuer unter dem Hintern und räucherte mich zunächst aus. Juanita erzählte ich allerdings eine andere Leidensgeschichte, nämlich die meiner Osteochondrose, also meines Beinahe-Bandscheibenvorfalls und dass es mir unmöglich war, beim Nachvornebeugen mit den den Händen den Boden zu berühren. Und dann verpasste mir Juanita eine fantastische Massage. Sie fand zielstrebig alle Knoten in meinen Schultern und im Rücken und massierte sie mit einem wohlduftendem Öl weich. Zum Abschluss packte sie eine auf mich abgestimmte Kräutermischung in ein paar Bananenblätter und rieb mich damit überall am Körper ein. Auf keinen Fall dürfte ich mich heute waschen, meinte sie. Ich glänzte wie eine Speckschwarte und roch wie ein Tannenbaum, der in eine Tüte geschmolzener Gummibärchen gefallen war, gelobte aber trotzdem, mich vom Wasser fernzuhalten. Zum Abschied erhielt ich noch eine Einladung zum Essen und eine Plastiktüte voll mit Salbe, die ich täglich vor dem Schlafengehen auf meinen Rücken auftragen sollte. Das hab ich allerdings gleich in der ersten Nacht vergessen, weil ich abends im Hostel Khan, der filipinischen Barfrau und einem irsraelischem Pärchen das Mäxchen-Spiel beigebracht habe und wir natürlich allesamt brutal abgestürzt sind.

Ob der böse Geist nun weg ist oder mein Rücken geheilt? Ich weiß es nicht. Wie so viele Heilmethoden dürfte auch hier der Glaube eine große Rolle spielen. Viele Einheimische suchen die Heiler auf, weil sie sich einen richtigen Arzt nicht leisten können und ich bin mir sicher, dass da etwas dran ist an den uralten Heilmethoden und an all den Kräutern, die auf einer unversauten Insel wie Siquijor, auf der es keinerlei Fabriken oder andere Quellen für Umweltverschmutzung gibt, wachsen und gedeihen.

Viel wichtiger ist allerdings, dass ich schlussendlich doch noch auf den Philippinen angekommen bin und nicht mehr, wie zu Beginn einfach nur möglichst schnell wieder verschwinden wollte. Es hat ein paar Tage, oder besser Wochen, gedauert, bis ich mich an ihren speziellen Charme gewöhnt hatte und sie sich in mein Herz gestohlen haben. Da sollte ja jetzt, wo der böse Geist fort ist, ausreichend Platz sein.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

1 Comment

  1. Ute sagt:

    Vielleicht kann dir das helfen den fast Bandscheibenvorfall zu verstehen. Schmerzen und Symptome sind eigentlich gutes Zeichen, dass es sich gerade in der Heilungsphase befindet. Wenn keine neuen Rezidive/Konflikte dazu kommen, heilt jede „Krankheit“ aus. Dauert halt einfach seine Zeit. Bachblüten und anderes kann helfen zu beschleunigen.
    http://www.neue-medizin.de/html/knochen-osteolysen.html

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