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Die Horror Nights 2011 und der Abstecher in den Europapark

27. September 2010
Haarkur
28. August 2010
…und alle drücken sich.
30. September 2010
 

D as Problem mit Vergnügunspark-Wochenenden ist, dass diese Ausflüge, wie der jüngste in den Europapark, die ja eigentlich unter der Kategorie ‚Urlaub und Freizeit‘ verbucht werden müssten, ab einem gewissem Alter zu fortgeschrittenen Ermüdungserscheinungen am Arbeitstag-Montag danach führen. Schlaff und zerstört sitzt man dann im Büro und überlegt, was einen geritten hat, jedes Mal aufs Neue diese tour-de-force durch halb Deutschland auf sich zu nehmen, anstatt das Wochenende einfach zu verschlafen. Und dann kommen die Erinnerungen an die speziellen Momente zurück. Beispielsweise das Gefühl, kurz vor der ersten Abfahrt aus dem 73 Meter hohem Silver Star, wenn sich beim Blick nach unten über den Park die endgültige Erkenntnis einstellt, dass es unausweichlich kein Zurück mehr gibt, ich mich auf der Kuppe mit meinem ganzem Körpergewicht in die Sitzschale drücke, jeder Muskel angespannt ist und ich mich dann einfach hingebe, loslasse, mit 4 G in den Sitz gepresst werde und am ersten Hügel für wenige Sekunden schwebe. Oder wenn ich mit Freunden in einem Reifenboot beim Riverrafting sitze und die unvermeidliche erste Welle nicht mich, sondern den Spezl gegenüber erwischt. Nur um dann mitten im schadenfrohem Gelächter von der zweiten Welle getauft zu werden. Oder um mitternachts zitternd durch ein Maisfeld zu schleichen und vor Schreck fast aus der Haut zu fahren, nur weil mich ein feuchtes Maisblatt an der Backe gestreift hat.




Aufhänger für den jüngsten Besuch im Europapark war diese Mal keine neue Attraktion (die neue Holzachterbahn Mythos wird erst im Frühjahr 2012 fertig gestellt), sondern der zweite Besuch der Horror Nights. Dort war ich mit meiner Schwester schon 2009 und insgesamt ja auch recht angetan, so dass wir dieses Jahr mit neuen Freiwilligen (Mutigen...?) einen weiteren Versuch wagen wollten. Das schöne Wetter war für dieses Vorhaben Segen und Fluch zugleich. Bei bis zu 25 Grad Außentemperatur waren wir natürlich nicht die einzigen mit der grandiosen Idee, das Wochenende in einem Vergnügungspark zu verbringen (Blödies!). Es dauerte dann auch seine Zeit, bis wir den richtigen Rhythmus gefunden und ein System gegen den Strom entwickelt hatten (innovativ!), mit dem wir, mit einer grausamen Ausnahme (75 Minuten Lebenszeit für 1 Minute Fahrzeit mit der Blue Fire!), nie länger als eine halbe Stunde warten mussten. Neu im Park und deshalb hier extra erwähnt sei das Looping-Restaurant (Food Loop!). In der umgebauten ehemaligen Milka-Werkstatt befindet sich nun ein unglaublich schicker Fresstempel, dessen Clou der ist, dass man sein Essen über einen Touchscreen ordert, welches dann über ein verrücktes Schienensystem durch das halbe Lokal direkt zum Tisch befördert wird und ab und an sogar einen Looping hinlegt. Muss man gesehen und erlebt haben!
Besonderes Schmankerl war da übrigens eine Nachtfahrt mit dem Silver Star. Kurz vor Parkschluss um 20 Uhr waren wir die letzten, die es in die Attraktion schafften und mit der vorletzten Bahn über dem romantisch erleuchtetem Park eine Ehrenrunde drehen durften.

Weniger romantisch und weitaus ruppiger ging’s da dann in den Horror Nights zu (wobei der Plural im Namen ja Käse ist, wir waren doch nur eine Nacht da). Insgeheim hatte ich mir eine Neuauflage von 2009 erwartet, das war es aber mitnichten. Das Areal ist nun um einiges weitläufiger, was der Atmosphäre nicht unbedingt zuträglich ist, vor allem, weil mitten im Gelände eine Fuhrparkausstellung des Sponsors aufgebaut wurde. Wer sich diesen groben Designschnitzer ausgedacht hat, gehört stante pede ausgeweidet. Zudem irritieren die mittelmäßigen Kirmes-Fahrgeschäfte gleich am Eingang des Parks. Kein Vergleich zum schaurig gruseligem Auftakt von 2009, bei dem es durch den schummrig-düsteren Wartebereich der Poseidon ging. Zwar gibt es die vernebelte Straße mit anhänglichen und fein maskierten Spukgestalten auch 2011, die Weitläufigkeit nimmt aber etwas Schrecken aus der Geschichte. Nach und nach ergeben die drei ollen Laufgeschäfte dann aber doch einen Sinn und fügen sich ins Gesamtkonzept ein: Herzstück des Geländes ist nämlich nun das October Feast[1. Ein geniales Wortspiel. Feast könnte man mit Festschmauss übersetzen, mit den ganzen umherschlurfenden Zombies bekommt der Name eine passende Beudeutung.], ein heruntergekommenes Festzelt mit Biergarten und Zombies in Dirndl und Lederhose (!). Als ob wir Bayern den Anblick von kaputten Gestalten in Trachten nicht längst gewohnt wären, originell ist das auf jeden Fall. Die Fahrgeschäfte (zumindest The Nest und Chin’s Funhouse) dienen zudem nur als Fassade für die dahinter installierten, sogenannten Mazes, wie man solche Attraktionen im Fachjargon wohl nennt. The Nest führt die Besucher in kleinen Gruppen durch ein schief gegangenes Chemie-Experiment, dessen Auswüchse in Form mutierter Wissenschaftler und Rieseninsekten (und Gliedertiere) sich nach und nach erschließen und spuckt einen schließlich in einem Maislabyrinth aus, dem Field of Freaks, in dem sich auf den dunklen Wegen allerlei Gesockse herumtreibt. Das Schöne daran: dank der „lebenden“ Geister ist kein Durchgang gleich. So habe ich an jener Stelle, an der ich im Nest das erste Mal erschreckt wurde, besonders aufgepasst und habe mich an der sich tot stellenden Leiche in mitten von Fässer auslaufender radioaktiver Flüssigkeit vorbeigeschlichen, nur um plötzlich von hinten von einem zweiten Monster am Bein gepackt zu werden. Meine Schwester prustete im anschließendem Lachanfall irgendwas von Quieken wie ein kleines Mädchen heraus. Chin’s Funhouse ist am ehestem mit der Spaßhaus-Attraktion am diesjährigem Rosenheimer Herbstfest zu vergleichen. Anfangs wurden wir durch sich drehende Röhren, über Laufbänder und wippende Brücken gelotst, begleitet von lärmender Rockmusik und dem immer plötzlich auftauchendem Chin, einem monströs geschminktem Clown mit Hang zum Morbiden. Auch diese Maze führt in das Maisfeld, nimmt aber eine andere Route: Immer wieder kommt man auf kleine Lichtungen mit verwahrlosten Wohnwägen, in denen die Freaks hausen und aus denen laute Rockmusik dröhnt. Mal sind die Wägen verlassen und voller Blutspritzer und Körperteile, mal springt einen unvermittelt ein irrer Kerl auf allen Vieren wild kreischend an. Das ist stimmungsvoll und enorm spassig, vor allem weil man schon nach kurzer Zeit anfängt, sich selbst in den Mais zu schlagen um seinen Begleitern aufzulauern, nur um sich selbst den Druck zu nehmen, von wem anderem oder gar einem der Monster erschreckt zu werden. Das ist glaube ich übrigens auch ein wichtiges Kriterium für einen gelungenen Besuch: Teil einer Gruppe zu sein, die sich auf diese Geschichte einlässt (was bei uns wunderbar geklappt hat). Neben den beiden Jahrmarkt-Attraktionen gab’s in der Halle, in der 2009 noch der Großteil der Veranstaltung stattfand, zwei weitere große Mazes, Possession und Dreamscape 3D, beide ungewöhnlich lang. Durch Dreamscape 3D läuft man mit einer Brille, die einen psychedelischen 3D Effekt vermittelt, dank dem man sich schon nach kurzem wie auf einem Drogenrausch fühlt, Possession führt einen durch ein grausiges Krankenhaus mit 15, thematisch teils sehr ansprechend gestalteten und mit vielen Darstellern bewohnten Räumen, inklusive Verfolgungsjagd mit einem Kettensägen-Mörder. Am Ende hat dann wohl jeder unserer Gruppe einmal sein Fett abbekommen, so abgekocht, dass man sich nicht mindestens einmal erschrecken lässt, kann ein normaler Mensch gar nicht sein.
Punktabzug gibt’s für das abgespeckte End of Days-Szenario, bei dem 2009 noch ein Weg durch brennende Autowracks, der von Zombies bevölkert war, führte. Übrig geblieben sind nur ein paar kaputte Wägen auf der Hauptstrasse mit einer Gruppe hart an der Lächerlichkeit agierender Parcour-Zombies, der Weg zum Vampire’s Club blieb gar lieblos leer. Letzterer kostet dieses Jahr erstmalig 5 Euro zusätzlichen Eintritt, verkaufen wollte man uns die mit einem einstündigem Auftritt von Super-Beau Marc Terenzi, den wir aber kurz zuvor in der recht passablen Horror on Ice, Part II-Show trällern hören durften. Genug für meinen Geschmack, die überaus reizenden Vampirinnen haben’s aber rausgerissen und von so mancher hätte ich mich liebend gern beissen lassen (und Kathrin vom Marky, gelle?).

Das Fazit fällt ähnlich aus wie beim letzten Mal. Die Horror Nights sind eine feine Abwechslung zum üblichem Wirhabenunsalleganzdolllieb-Alltag der Vergnügungsparks, macht ordentlich Spaß und unterhält weitestgehend prima, all das könnte (und sollte) aber noch konsequenter umgesetzt werden. Ob die Veranstalter das nicht können (mangelnde Ideen, mangelndes Budget) oder dürfen (um nicht zu sehr vom Mainstream abzuweichen), bleibt unklar, fest steht nur, solche Horror-Veranstaltungen sind keine Erfindung des Europaparks, das gibt es schon lange und erfolgreich in den Staaten und auch Deutschland hat mittlerweile einige gute Vertreter. Vielleicht sollten wir im nächsten Jahr einen Abstecher nach Bottrop in deren Halloween Horrorfest machen, das soll gerüchteweise sogar besser als die Horror Nights sein.

Der Horror ging dann übrigens noch ein wenig weiter, denn unser Hotel lag mitten in Freiburg, wo just an diesem Wochenende auch Meister Papst sein luxuriöses Zelt aufgestellt hatte. Deshalb hatte man die ganze Stadt mal eben mit einem Heer an Polizisten vollgestopft, die sich in jeder Seitenstraße verschanzt hatten. Manfred als heldenhaft einzigst nüchtern gebliebener steuerte unseren Wagen mitten in der Nacht aber souverän durch die Sperren und so landeten wir am nächsten Morgen wieder halbwegs gestärkt und fast pünktlich für einen zweiten Tag im Park. Darüber verliere ich hier auch gar keine Worte mehr, es folgt nämlich noch bewegtes Bild vom Spektakel, das unter anderem erwachsene Männer und Frauen zeigt, die hinter einer Wasserkanone plötzlich wieder zu kleinen Kindern werden, die Zungen auf Fotos herausstrecken oder mit Elfen raften.

Denn kein Europapark-Besuch darf ohne Elfen-Rafting enden, so steht es geschrieben.

(Vielen Dank für die Bilder an Christoph und ebensolchen Dank an Florian für's Chauffeur spielen und Hotel reservieren!)

Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

5 Comments

  1. Kathrin sagt:

    1. Kann mich dem nur anschließen. Es war ein sehr, sehr schönes und stimmiges Wochenende, was in erster Linie einer ungemein harmonischen Gruppe geschuldet war.

    2. Ich hab mich gefürchtet! Und zwar richtig!

    3. Wann fahren wie nach Bottrop?

    4. Ich bin kein Terenzi-Fan! Aber schnuckelig war er ja schon…

    5. Und zu guter Letzt: Ein Hoch auf alle Elfen-Rafter! Da zeigt sich wahre Größe… ;-)

  2. Andi sagt:

    Wo war denn diese Gruppe harmonisch? Alles Irre und Psychopaten! Ausser mir!

  3. Nicole sagt:

    Wir würden warscheinlich heute noch umherIRREN ohne unsern Meister!

  4. Andi sagt:

    Ein ganzes Leben hab ich gebraucht, endlich bekomme ich die Anerkennung, die ich verdiene!

  5. Nicole sagt:

    Der erste schritt zur Weltherrschaft!

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