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Die Grenzweltsaga

Nix los hier.
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Indigene Balzversuche
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Buch 1: Das Spiel der Seelen


E manuel stierte auf das Loch in seiner Brust. Es sah aus, als hätte es ihm jemand eine geriffelte Kuchenform ins Fleisch gedrückt. Sein Körper lag in einem Scherbenhaufen, beinahe theatralisch verrenkt und absolut regungslos. Er hätte sich rasieren sollen. Von einem Dreitagebart konnte überhaupt keine Rede mehr sein. Vielmehr wucherte ihm ein formidables Gestrüpp um den geöffneten Mund herum, das bereits kratzige Ausläufer an seinem Hals entlang gebildet hatte. Es war ein seltsames Gefühl, sich aus dieser Perspektive zu sehen. Wenn man sich selbst im Spiegel oder auf einer Fotografie betrachtet, neigt das Gehirn dazu, ein optimiertes Bild der eigenen Erscheinung darzustellen. Als Toter braucht es diesen Selbstschutz allerdings nicht mehr und erträgt die schonungslose Wahrheit über das eigene Äußere. Was in Emanuels Fall bedeutete: Durchschnitt. Alles an ihm war auf bedrückende Weise gewöhnlich. Niemand hätte ihn für einen Katalog fotografieren wollen oder eine Talkshow moderieren lassen. Sein krauses, grau meliertes Haar hatte an den Schläfen bereits verschämt den Rückzug angetreten. Sein Körper war aufgedunsen, hatte kaum noch Muskeln, im Grunde war da nicht mehr viel mehr als ein Sack voller Knochen und Fleisch. Emanuel hatte allerdings nicht immer so ausgesehen. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er durchtrainiert und gertenschlank gewesen, ausgestattet mit einem rauen Charme, der Frauen magisch an- und dann ausgezogen hatte. Er war ein Mann von Welt gewesen. Reich, gebildet, ein Lebenskünstler. Emanuel seufzte. Seither war viel passiert. Es fiel ihm allerdings schwer, sich zu konzentrieren und der jüngeren Vergangenheit eine sinnvolle Ordnung auf zu zwängen. Alles schien gleichzeitig zu geschehen und Gedanken und Ideen ließen sich nicht richtig greifen. Er drückte die Fäuste auf die Schläfen und stöhnte.

„Hast Du Cola da?“ fragte eine Stimme neben ihm. Sie gehörte einem Wesen, das aussah als hätte eine rote und überaus schuppige Echse einen räudigen Strassenkater verschluckt und war dabei erstickt ehe sie den Kopf hinunterwürgen konnte. Haarige Ohren wackelten vor zwei kleinen, gebogenen Hörnern. Es roch nach Minze. „Verschwinde, Du existierst nicht!“ stöhnte Emanuel und das Pochen in seinem Kopf gewann an Intensität. Er ließ sich auf der Bettkante nieder. Unter seinem Körper breitete sich langsam aber stetig eine Blutlache aus, doch das erschien ihm im Moment als sein geringstes Problem. Er war sich sicher, dass sein Schädel jeden Augenblick explodieren würde. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie das Wesen zur Minibar wankte und deren Türe öffnete. Emanuel wusste, dass sich im Kühlschrank nur eine Flasche Arak befand. Ein Schwarzbrand von jener Sorte, vor dem die Reiseämter die Touristen warnten und von dem es hieß, er mache blind. Nun, das konnte Emanuel nach zahlreichen Selbstversuchen nicht bestätigen. Sehen konnte er immer noch tadellos. Dafür brachte der Fusel die Stimmen zum Schweigen, die ihn in letzter Zeit immer öfter heimgesucht hatten. Oder heimsuchten? Oder heimsuchen würden? Er fluchte hingebungsvoll. Derweil stieß das Wesen einen erfreuten Grunzlaut aus und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Es zischte und der Minzgeruch im Raum verstärkte sich. Dann schien das Vieh sich an etwas zu erinnern und schlenderte zu Emanuel.
„Trink das, als Medizin wirkt es auch hier drüben“ behauptete es und reichte ihm den Arak. Emanuel ergriff das Gefäß und trank gierig. Der scharfe Alkohol rann seine Kehle hinab und fühlte sich an wie Säure, die ihm die Speiseröhre verbrannte. Er hustete und das Wesen klopfte ihm auf den Rücken. Die Schläge fühlten sich real an.
„Danke“ murmelte Emanuel als er wieder atmen konnte. Überrascht stellte er fest, dass seine Kopfschmerzen verflogen waren. „Keine Ursache Kumpel. Ich bin Benzidrö, wenn’s recht ist. Wir werden uns schnell aneinander gewöhnen.“
Benzidrö schnappte sich die Flasche und genehmigte sich noch einen Schluck.
„Eine schöne Sauerei hast Du da angerichtet“ kommentierte er und seine Ohren wackelten belustigt. Emanuel beobachtete, wie das Gesicht seines Körpers grau und seine Augen glasig wurden. Das Blut, das aus ihm heraus floss, gerann bereits.
„Ich habe Dich nicht nach Deinem Namen gefragt...“ antwortete Emanuel geistesabwesend. Seine Leiche lag auf dem Boden zwischen Bett und Türe und war nur mit Unterwäsche und einem Bademantel bekleidet. Sein Koffer lag geöffnet auf dem schäbigen Tisch, neben dem Bett das einzige Möbelstück im Raum. Das kleine Zimmer des Homestays war nun also zu seiner letzten Ruhestätte geworden. Sein Blick wanderte zu dem großen Loch in der Scheibe der Glastür. Der Vorgang wehte sanft in der leichten Brise, die durch die Öffnung hereinströmte. Draußen dämmerte es bereits und die ersten Vögel begannen mit ihrem morgendlichen Konzert im Garten. Doch es mischten sich auch noch andere Geräusche unter den Gesang. Ein sonores Brummen und Knistern, ein Kratzen und Sirren.

Was zur Hölle war hier los? Und warum war er tot?

 

Emanuel irrte durch das Zimmer. Er hatte sich das Tot-sein anders vorgestellt. Zumindest ein Tunnel hellen Lichts wäre angemessen, fand er. Und eine Rückschau auf sein Leben sollte auch drin sein. Vielleicht hätte er daraus dann Rückschlüsse auf sein gewaltsames Ableben ziehen können. Denn so sehr er sich auch anstrengte, seine Gedanken weigerten sich, einen Sinn zu ergeben. Er hatte nicht etwa das Gedächtnis verloren, sondern dachte vielmehr alles gleichzeitig. Und zwar in einer rasenden Geschwindigkeit. Und je mehr er sich zu konzentrieren und einzelne Gedankenfragmente herauszufiltern versuchte, desto heftiger wurden seine Kopfschmerzen. Benzidrö saß immer noch mit baumelnden Beinchen auf dem Bett und beobachtete ihn belustigt. Nun, es wäre naheliegend, das seltsame Vieh einfach um Hilfe zu bitten, dachte Emanuel. Auch wenn es sicherlich ein Hirngespinst ist und ich damit die Schwelle zum Wahnsinn überschreite.
„Ich bin kein Hirngespinst“ behauptet Benzidrö beleidigt. „Ich bin ein Tacur, und im Moment bin ich der einzige, der Dir helfen kann.“ Das Wesen reichte Emanuel die Arak-Flasche.
„Also gut, was geschieht mit mir?“ fragte Emanuel nach einem weiteren Schluck des scharfen Schnapses.
„Das weiß ich nicht“ antwortete Benzidrö und rülpste herzhaft. Emanuel schnellte herum.
„Sag mal möchtest Du mich verarschen?“ Er packte die komische Erscheinung am Hals und wollte sie schütteln, aber Benzidrös Schuppen waren scharf wie kleine Rasierklingen und schnitten sich schmerzhaft und ziemlich real in seine Handflächen. Fluchend ließ er ihn fallen und hüpfte mit wedelnden Händen durchs Zimmer. Benzidrö rappelte sich auf und kletterte zurück aufs Bett.
„Hör zu Kumpel, ich weiß nicht was wie es dazu gekommen ist, aber es sieht ganz so aus als wärst Du zum Grenzgänger geworden.“
„Bitte was ist ein Grenzgänger?“ blaffte Emanuel und spürte, wie der Wahnsinn anklopfte und Einlass begehrte.
Benzidrö seufzte. „Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass Du die Antworten alle im Kopf hast. Bevor Du in Deiner Welt getötet wurdest, wusstest Du über alles Bescheid. Und Du weißt es auch jetzt noch, nur funktioniert dein Verstand ab sofort anders. Wie soll ich es erklären... Am besten stellst Du Dir vor, dass es hier keine Zeit gibt, zumindest keine, die man in Minuten und Stunden zählen kann.“ Benzidrö puhlte sich mit einer Kralle ein undefinierbares Stückchen weicher Materie aus dem Backenzahn und spuckte es auf den Boden. Emanuel beobachtete fasziniert, wie sich das Etwas in den Boden fraß als hätte sich H.R. Gigers Xenomorph höchstpersönlich dorthin übergeben. „In der Grenzwelt geschieht, vereinfacht gesagt, alles gleichzeitig. Das was Du Zukunft oder Vergangenheit nennst sind hier nur Schleifen Deines Verstandes und Du musst er lernen, sie an den richtigen Stellen zu verknoten. Hier, trink noch einen Schluck!“ Emanuel stürzte den Arak hinunter. Auf eine verquere Weise klang die Ausführung Benzidrös logisch. Er ahnte, dass er wusste was hier vorging, doch seine Gedanken waren wie Schmetterlinge und immer wenn er besonders vielversprechendes Exemplar erspähte, konnte er es nicht erhaschen, weil er kein Netz hatte. „Pff, Schmetterlinge“ grunzte Benzidrö abfällig. „Widerliche Viecher, bestehen nur aus Arroganz und bunten Farben. Wusstest Du, dass die auf ihren Flügeln das gesamte lateinisches Alphabet und alle Zahlen von null bis neun drauf haben?“
„Wie kommst Du jetzt auf Schmetterlinge? Liest Du meine Gedanken?“ fragte Emanuel verblüfft.
„Ja, und Du könntest auch meine lesen, wenn Du Dich nicht so anstellen würdest. Aber das kriegen wir schon noch hin Kumpel. Zunächst müssen wir uns allerdings überlegen, wie es mit Dir weitergehen soll. Und ich kenne da jemanden, der uns vielleicht weiterhelfen kann.“

Emanuel blickte aus dem Fenster und fragte sich, was hier nicht mehr stimmte. Auf den ersten Blick sah alles aus wie immer: der langgezogene Pool, in dem sich mehr Chlor als Wasser befand, die modrigen Sitzsäcke anstelle richtiger Liegen, die üppig wuchernden Pflanzen, die schon lange keinen Gärtner mehr gesehen hatten. Die Anlage hieß „Heaven’s Dive“ und gehörte einem Franzosen namens Jerome, der vor vielen Jahren nach Bali ausgewandert war um sich den Traum von einer Tauchschule zu erfüllen. Er war mit Taschen voller Ambitionen angereist und passte sich nach und nach dem Rhythmus der Insel an. Zeit wurde relativ, genauso wie Ansprüche an Qualität und Akkuranz. Jeromes Gäste waren treu und mochten das Heaven’s Inn so wie es war als leicht heruntergekommene Oase der Ruhe in Strandnähe, bevölkert von einer illustren Mischung aus tiefenentspannten Aussteigern und Einheimischen, welche die Nähe Jeromes suchten und schätzten wie eine ausgehungerte Fliege eine Honigkerze. Jeromes Tauchschule galt als eine der besten der Insel und lockte begeisterte Taucher aus aller Welt an. Und wer die meiste Zeit seines Urlaubs unter Wasser oder auf einem Boot darüber verbrachte, hegte abends keine gesteigerten Anforderungen mehr an seinen Schlafplatz. Solange es die obligate Sitzecke in Nähe der Bar gab, an der man sich zusammen mit seinen Mitstreitern bei einem Absacker und chilliger Reggae-Musik darüber austauschen könnte, wer nun die größere Schildkröte gesehen hat.
So früh am Morgen war die Anlage still und verlassen und gehörte alleine den Vögeln und Lurchen im Garten. Die Sonne spitzelte hinter den Palmen hervor und stellte großspurig einen schönen Tag in Aussicht. Emanuel fröstelte.
Nachdem er überrascht festgestellt hatte, dass nur seine Leiche, nicht aber er selbst ein blutiges Loch in der Brust hatte, zog er sein zerfetztes Hemd aus und schlüpfte in ein frisches T-Shirt. Für einen kurzen Moment wunderte er sich, warum er mit allem, was er in seinem Zimmer vorfand, immer noch interagieren konnte wo er doch eigentlich tot war, aber sein Verstand hatte in den Schonmodus geschaltet und beschlossen, zunächst alles zu ignorieren was der Wahnsinn an lockenden Fallen aufgestellt hatte. Was er jedoch nicht ignorieren konnte war ein diffuses Gefühl der Unwirklichkeit. Obwohl alles um ihn vertraut wirkte, kribbelte sein Nacken und es fühlte sich an, als breche gleich ein Gewitter los. Mit der Luft schien alles normal zu sein und trotzdem spürte er jeden Atemzug mit einer Intensität, als wäre er gerade nach einem langen Tauchgang ohne Atemgerät aufgetaucht und durfte das erste mal wieder nach Luft schnappen. Wenn er den Kopf schnell hin und her drehte, schien seine Umgebung nicht hinterher zu kommen und verschwamm, gerade so als flöße sie durch zähen Sirup.

Hinter sich im Zimmer hörte er, wie Benzidrö die Klospülung betätigte. Emanuel hatte den Raum verlassen müssen nachdem er unfreiwilliger Zuhörer des Konzert geworden war, dass der Tacur mit seinen Schließmuskeln vorzutragen im Stande war. Mit ziemlicher Sicherheit würde den beiden dauerkichernden Zimmermädchen ihre heutige Schicht noch lange in unangenehmer Erinnerung bleiben wenn sie erst einmal Emanuels Badezimmer betreten würden. Wenn, ja wenn es die beiden auch in dieser Realität gab. Was und wo auch immer diese war.
„Bist Du soweit, Kumpel?“ fragte Benzidrö und wackelte durch die offene Tür. Seine Körperform ermöglichte es ihm lediglich, sich wie ein Fußball auf zwei Beinen zu bewegen. Allerdings einer, bei dem die Beine nicht unten, sondern an der Seite wuchsen. Emanuels Leiche beachtete er dabei gar nicht, ebenso wenig die Scherben, über die er einfach drüber stapfte.
„Können wir mich hier wirklich einfach so liegen lassen?“ fragte Emanuel und blickte zweifelnd auf das Blutbad. Von Außen betrachtet war es vor allem das Loch in der Glastür, das auf das Massaker im Inneren hindeutete.
„Du brauchst den nutzlosen Fleischsack nicht mehr. Seih froh dass Du ihn los bist. Hör zu Kumpel, Du kannst ja gerne hierbleiben und Dich betrauern, ich muss jetzt allerdings los. Hab schon genug Zeit vertrödelt.“
Zu Emanuels großem Erstaunen faltete das Wesen kleine, ledrige Flügel aus, die sich erst langsam, dann immer schneller und schneller in Bewegung setzten, bis sich Benzidrö einem stark übergewichtigen Kolibri gleich in die Lüfte erhob und Emanuel erwartungsvoll anstierte. Der zuckte schließlich mit den Schultern und sagte:
„Also gut, nach Dir. Wo gehen wir hin?“
„Zu einem guten alten Freund von mir...“ antwortete Benzidrö.


Die Grenzweltsaga (Arbeitstitel) ist mein neues Buchprojekt. Die Saga erzählt die Geschichte der Grenzwelt, einer Welt in der alle spirituellen Thesen, welche die Menschen je ersonnen haben, Naturgesetze sind. Einer Welt, in der Engel und Dämonen leben und allesamt ganz eigene Ziele und Pläne verfolgen. Und nicht alle sind den Menschen gewogen. Emanuel ist einer der beiden Protagonistin dieser Geschichte und gerät gleich zu Beginn zwischen die Fronten eines Krieges, dessen Auswirkungen auf die Menschheit er anfangs nicht einmal erahnen kann...

Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

1 Comment

  1. Angela Holzmaler sagt:

    Echt cool – würde ich sofort lesen wollen!

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