Multikulturelle Erfahrungen im Spinnradl

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W as kommt dabei heraus wenn ein Türke, ein Bosnier, ein Franzose, ein Italiener und ein Bayer Donnerstag abend im Spinnradl aufschlagen? Genau. Der größte anzunehmende Wahnsinn. Nun, ich möchte an dieser Stelle ausnahmsweise nur als Geschichtenerzähler auftreten und berichten, was sich da ereignet hat. Alle Figuren dieser Geschichte sind natürlich frei erfunden, Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind nicht zufällig und die Welt ist eine Scheibe.

Es begab sich also an einem Donnerstag Abend, dass jene multikulturelle Gruppe, nennen wir die einzelnen Mitglieder entsprechend der Aufzählung oben Mustafa, Abdulah, Baptiste, Guiseppe und Tragott, startend am Tatzlwurm, dem Ort, an dem sich die Erleuchtung gesucht, aber noch nicht gefunden hatten, entschieden, den beschwerlichen Weg übers Gebirge zum legendären Spinnradl auf sich zu nehmen. Tragott stellte sich als kollegialer Fahrer zur Verfügung, Punkt neun Uhr schlug der feierwütige Pulk am Ort des Geschehens auf. Tragott war der einzige, der hier schon einmal gewesen war, wenn auch zuletzt vor gefühlten fünf Jahren, er musste jedoch feststellen, dass sich nicht allzu viel verändert hatte: Wie damals war das Etablissement bereits zu dieser frühen Zeit zum Bersten mit feierwütigem Volk gefüllt, Mädchengruppen saugten verschämt an den Strohhalmen ihrer Cocktails, in der Hoffnung, möglichst schnell betrunken zu werden, an den Tanzstangen turnten bereits Jungs herum, die diesen Schritt schon hinter sich hatten und die Musikauswahl war jene, die vor vielen Jahren auch Bitter Lemon auf einem ihrer Konzerte zum Besten gegeben hätte.
Für unsere Helden aus der großen Stadt war dies jedoch wie eine andere Welt. Enthusiastisch bestellten sie Whiskey in Literflaschen zu Preisen, wie sie sie aus ihren Heimatstädten München und Rosenheim nicht kannten und tranken sich ohne Umschweife auf Betriebstemperatur.
Nun ist das Balzverhalten der entsprechenden Kulturen ja höcht unterschiedlich anzuschauen und ein Vergnügen sondergleichen: Es dauerte nicht lange, da stand Mustafa auf der nächsten Bank und tanzte abwechselnd scharf aussehende polnische Ehefrauen hier, und gut bestückte Vorstadtpomeranzen da an, Guiseppe pickte sich wahllos schöne Frauen aus der vorbeiströmenden Menge heraus und deckte sie mit einem Sperrfeuer italienischem Temperaments ein ehe diese sich versahen wie ihnen geschah, Baptiste zog los und bot jedem weiblichen Wesen seine verständnisvolle und wertschätzende Freundschaft an und Abdulah nutze jeden Fehler in der Deckung potentieller Geschlechtspartnerinnen indem er sie gnadenlos antanzte und der Worte nicht viel verlor. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass auch unser guter Tragott zum Zuge kam, auch wenn er das so nicht geplant hatte und im Verlauf der Abends des öfteren von Baptiste als Phlegmabär (was auch immer ein betrunkener Franzose darunter versteht) bezeichnet wurde. Genaugenommen war Tragott der einzige, der sich am nächsten Tag noch an seinen Fang erinnern konnte, doch jetzt greifen wir vor. Zurück zum Geschehen also. In diesem Pfuhl aus größtenteils viel zu jungen Hauswirtschafterinnen, „Winterschui“-Absolventinnen, Jungbauern, Trachtlern und dem ein oder anderem weit hergereisten, nach Lokalkolorit lechzendem Städter oder Österreicher, betranken sich unsere fünf Helden also mehr oder weniger maßlos. Pardon, vier davon, einer, Tragott, blieb nüchtern. Nur für den Fall dass Behörden mitlesen.
An anderer Stelle habe ich bereits einmal davon geschrieben, dass mir, also dem Erzähler, die Regeln der Geschlechterschau nicht (mehr) einleuchten: Mädchen, die einen zwei Stunden zuvor noch keines Blickes würdigen, fallen einem mit dem rechten Alkoholpegel um den Hals und lassen unanständige Dinge mit sich machen. Ähnlich wie Tragott, der da auch etwas antiquierter eingestellt ist, könnte man nun die Frage stellen, was aus dem guten alten Blickkontakt geworden ist, der als Indikator für die Flirtbereitschaft gelten kann oder (vielleicht nur noch) konnte. Heute scheint nur wichtig zu sein, sich möglichst schnell ins Delirium zu trinken. Doch derlei philosophische Überlegungen stellte wohl nur unser guter Tragott an, Guiseppe hypnotisierte mittlerweile je nach Verfügbarkeit Zigarette oder Glas und überlegt, mit wem es sich jetzt wohl am besten pöbeln liese, Baptiste tauchte nur ab und an aus der Menge auf, irgendwelchem Weibsvolk hinterherjagend, Mustafa hatte vom polnischen Ehemann eine Abfuhr erhalten und tröstete sich mit noch mehr Alkohol und Abdulah hangelte sich auf der Tanzfläche von Mädel zu Mädel. Und Tragott? Nachdem der sein Erstaunen überwunden hatte, dass Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht im Spinnradl auch ohne Einbüßen der Muttersprache funktioniert, erklärte er für sich das Experiment für beendet und beschloß, die Meute wieder gen Alpengaststätte zu kutschieren. Nur, Baptiste war mittlerweile nicht mehr auffindbar und Abdulah und Guiseppe lieferten sich auf dem Parkplatz eine Schlägerei, Mustafa versuchte zu schlichten, all das war durchaus grotesk anzusehen, da der ganze Platz fast vollständig vereist war. Die drei schlitterten also auf der Eisfläche herum, beschimpfen sich lauthals gegenseitig in einer Sprache, in der jeder Satz auf 'Alter' endete, und das aus Gründen, die wohl nur den beiden bekannt sind (Guiseppe wollte Abdulah von einem potentiellen Betthaserl wegzerren um ihn ins Auto zu schaffen. Oder so. Hier scheiden sich die Geister an der endgültig richtigen Version) und eine kleine Rotte Schaulustiger hatte sich auch bereits eingefunden, inklusive reichlich verärgerter Türsteher. Tragott gelang es schließlich unter Mithilfe des sich plötzlich materialisierenden Baptistes, die Streithähne ins Auto zu verfrachten und es folgten muntere 30 Minuten, in denen sich Guiseppe und Abdulah, der eine vorne, der andere hinten sitzend, die Seele aus dem Leib schrien, sich gegenseitig als Hurensöhne beschimpften und erst mit einer extralauten Portion Hans Söllner gebändigt werden konnten (weil Guiseppe darüber das Streiten vergaß und laut mitgrölte).
Doch keine Angst liebe Leser, wie es halt in den süd- und morgenländischen Kulturen so üblich ist, sind sich die beiden am nächsten Tag in Katerstimmung wieder in die Arme gefallen und haben sich wieder lieb.
Die Quintessenz des Abends kann eigentlich nur lauten: Dem Spinnradl hat der Kultur-Crash wohl nichts getan, das steht immer noch, wenn den Bosniern und Italienern nicht immer das Temperament durchgehen würde, wären sie, zumindest was den Erfolg bei Frauen angeht, Weltherrscher oder vielleicht Fußballeuropameister, mit den richtigen Türken feiern ist ein Erlebnis für sich und der Galantismus der Franzosen steht ihnen allenfalls selbst im Weg. Und unser Bayer? Der nimmts mit Gelassenheit. Was bleibt ihm auch anderes übrig.

Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

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