…und alle drücken sich.

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E in paar Gedanken über das oft schlechte Image von Rettungskräften und deren Nachwuchssorgen.

Die folgende Geschichte hat einen Bart, über den bereits ganze Generationen gestolpert sein dürften und trotzdem muss sie immer wieder erzählt werden. Leicht entsteht der Eindruck, das andauernde Lamentieren über das Ehrenamt wäre eine lästige Angewohnheit verbissener Hardliner und tatsächlich werden die Debatten bevorzugt von solchen geführt. Dabei gewinnt dann auch keines der beiden Lager einen Blumentopf. Diejenigen, die ein Ehrenamt leisten, schneiden sich bei ihrem anklagendem Gegröle um ihre ruhmreichen Tätigkeiten im Dienst am Nächsten meist selbst ordentlich ins Fleisch, indem sie gezielt mit schöner Regelmäßigkeit immer den plumpsten und oberflächlichsten Hallordi aus den eigenen Reihen das Propagieren überlassen. Die Gegenseite glänzt gerne durch gepflegte Ignoranz und Arroganz, bevorzugt von ganz weit oben herab. Da tut sich die gemäßigte Mitte schwer, lässt sich gelungene Kampagnen einfallen, sucht kluge Argumente ins Feld zu führen und wird so lange unterbuttert und ausgebootet, bis auch der hartnäckigste resigniert.

Dabei könnte es so einfach sein. Nehmen wir den neusten Anlauf des Kreisfeuerwehrverbands Landesfeuerwehrverbandes Bayern, Werbung für ihre Sache zu machen. Die Sprüche sitzen, da hat sich wer was bei gedacht. „Stell Dir vor Du drückst, und alle drücken sich.“ prangt da neben einem Feuermelder in großen Lettern. Und darunter: „Keine Ausreden, mitmachen!“ Das ist in seiner Einfachheit schlicht genial treffend, kein Herumgerede, keine Feuersbrünste mit heldenhaften Feuerwehrmännern, nur diese zwei Sätze. Denn dass immer jemand kommt, wenn ich auf den Knopf hinter der Glasscheibe drücke, das ist doch selbstverständlich. Meint man. Neutral betrachtet müsste man sich spätestens an dieser Stelle nun die Frage stellen, warum es nicht ebenso selbstverständlich ist, dass jeder, der gesundheitlich (!) dazu in der Lage ist, Dienst am Nächsten bei irgendeinem Rettungs-, Pflege-, Hilfsdienst zu leisten, das auch tut. Neutral betrachtet bietet das forsche, aber unmissverständliche „Keine Ausreden, mitmachen!“ keinerlei Diskussionsansatz mehr.

Doch wie immer ist es natürlich so leicht nicht. Auf einer Meta-Ebene, und hier im Irrationalen sind meiner Meinung nach die einzig stichhaltigen Gründe für Diskussions-Potential zu finden, spielt eine Reihe von Faktoren eine komplizierte Sonate zwischenmenschlicher Konflikte.

Einer dieser möglichen Minenfelder ist die Anziehungskraft, die von Rettungsdiensten ausgeht. Diese wirkt, so scheint es zunächst einmal, vor allem auf jene Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen meist am Rand der Gesellschaft aufhalten. Kein Anschluss in einem prestigeträchtigem Sportverein, weil die eigene Gesundheit, Ausdauer oder die körperliche Fitness das nicht zulassen? Kein Zugang zur Brauchtumspflege, kein Talent, ein Instrument zu erlernen? Aber ach, da gibt es ja auch noch die Feuerwehr/Wasserwacht/Rotes Kreuz etc., wenn ich da mitmache, bekomme ich die Anerkennung, die ich mir immer gewünscht habe, insgeheim. Und so entsteht ein Auffangbecken für Aussenseiter, Sonderlinge und Unangepasste. Und die Ratte beisst sich herzhaft selbst in den Schwanz, hat sie doch niemals wirkliche Nachwuchssorgen, erschafft aber eine freakige Parallelwelt, die den Zugang mindestens so schwer macht wie den zu „normalen“ Vereinigungen. Schauen wir doch rasch über den Teich, zu den Amerikanern und greifen uns die fire brigades heraus. Taffe Männer und Frauen, cool und bewundernswert bis ins Mark, ein Selbstverständnis, wie es unterschiedlicher zum hiesigem nicht sein könnte. Und hier? Man könnte leicht den Eindruck bekommen, heimische Feuerwehren bestünden nur aus dicken kleinen, etwas sonderbaren Schnautzbartträgern, die ihre Freizeit damit verbringen, vor dem Feuerwehrhaus 'rumzulungern, stets mit einer Bierflasche in der Hand, am Stammtisch immer am lautesten schreiend, einsatzgeil bis in die Unterhose (bevor die Sensen gewetzt werden, betone ich nochmals das könnte. Natürlich sieht die Realtität meist anders aus, aber die interessiert keinen. Oder zu wenige.).

Ich möchte diesen Ansatz noch etwas weiterspinnen. Jetzt geschieht etwas, was so nicht im Programm angehender Helden vorgesehen war: Die Anerkennung „der Bevölkerung“ bleibt aus. Weil die Heldentaten ausbleiben. Weil eben nicht alle zwei Wochen ein Hofgut abbrennt und eine Herde Rinder mitsamt holder Jungfrauen aus brennenden Gebäuden gerettet und entjungfert werden müssen. Dafür warten Ölspuren, die kilometerlange zusammengekehrt werden wollen, Sicherheitswachen bei Veranstaltungen an Samstagen im strahlendem Sonnenschein, unzählige trockene Übungsabende. All das, während "die anderen" schlafen, am See liegen, ihre Freizeit genießen. Und was geschieht dann? Es braucht keinen hochdekorierten Sozialpädagogen für eine Antwort: Die Lust am Amt schwindet. Das Schwänzen und Murren beginnt, das Fingerzeigen. „Warum soll ich mir für andere den Arsch aufreissen, wenn's mir nicht mal gedankt wird?“ Und die Antwort darauf könnte lauten: „Weil alle anderen sich drücken.“ Und dann sind wir an der Wunde angelangt und haben den Finger bereits ganz tief drin.

„Keine Ausreden“. Doch im Ausreden finden sind wir ganz prima. Keine Zeit. Die Arbeit lässt's nicht zu. Ich hab oder hatte schon genug andere Verpflichtungen. Ich kann mich nicht unterordnen. Ich hab Familie.
Habe ich was vergessen? Finden sich alle wieder? Vielleicht lautet die unausgesprochene und unterbewusste Ausrede aber auch: „Ich will nicht zu diesen komischen Leuten. Zu den Berufsschaulustigen, den Alkoholikern, den Sonderlingen.“ Das ist bewusst provokant formuliert, ist aber am Kern so weit nicht vorbei, fürchte ich. Müssen Rettungsdienste also 'cooler', respektive ansprechender werden? Sollen die Sonderlinge in die hinteren Reihen geschoben, die meist stillen 'Normalen' nach vorne geholt werden?

Die Antwort ist ein klares Jein.

Die Lösung liegt wohl unbefriedigenderweise wie so oft in der Mitte. Sich gegenseitig zu helfen ist das natürlichste Gebot eines funktionierenden Sozialkonstrukts und möchte meinen, dass dies über persönlichem Komfort stehen sollte. Diese Aufgabe sollen aber nicht nur jene erfüllen, denen aus welchen Gründen auch immer danach ist, weil sie zuviel Zeit oder nichts besseres zu tun haben, sondern alle. Der Gerechtigkeit halber. Es ist das alte, vielfach durchgelutschte Gleichnis: Wenn mein Haus brennt oder die Oma blutend im Graben liegt, dann kommt kein Fußballspieler und auch kein Gebirgstrachten-Erhalter. Dann lässt irgendwo irgendein in einer entsprechenden Institution engagierter irgendwas liegen und stehen, kommt und hilft. Mir fällt kein einziger Grund ein, warum das nicht so sein sollte, warum irgendwer der Meinung sein könnte, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, anderen zu helfen.

Gleichzeitig stellt aber die vorangehend aufgestellte These ein nicht zu unterschätzendes Hindernis dar. Wenn die aktuelle Zusammensetzung jener Menschen, die sich in Rettungsdiensten organisieren, ein Widerstand ist, eine Einstiegshürde, dann darf das nicht weggewischt werden. Kampagnen wie die eingangs genannte sind ein guter Weg. Vielleicht wäre es leichter, wenn es tatsächlich genauso cool wäre, einer Feuerwehr anzugehören, wie in der ersten Fußballmannschaft des örtlichen Sportvereins zu spielen.
Es bedarf darüber hinaus aber noch einiges mehr. Große Firmen nennen es „Compliance“: Richtlinen für Verhalten in der Öffentlichkeit. Moderne Gesellschaften machen derlei Institutionen wohl mittlerweile nötig, zu differenziert und vielschichtig ist das Zusammenleben geworden. Irgendwann muss es auch im hintersten Loch ankommen, dass nicht derjenige, der am meisten saufen und am lautesten furzen kann, der Rudelführer ist, selbst auf dem Land. Und dass so etwas nicht mehr imponiert, immerhin läuft heute kaum jemand noch mit entblößtem Gemächt umher, um seine Fortpflanzungs-Qualitäten zu propagieren. Will man neue Bevölkerungsschichten erschließen und für ein Ehrenamt begeistern, dann muss man sich bis zu einem gewissen Grad anpassen. Sonst verkommt die Geschichte ganz schnell zum Eigenzweck und wir stehen wieder in der Ecke, mit dem Rücken zu Wand.

Was ist also konkret zu tun? Zunächst einmal heben wir bitte alle, ausnahmslos alle, die Hand auf Augenhöhe und greifen und an die Nase. Fertig? Gut. Dann bitte alle mal überprüfen, wo wir derzeit stehen. Gehören wir der Kaste der Ausreden-Erfinder an? Dann die Ausrede bitte überprüfen. Ehrlich überprüfen. Es kann und darf nicht sein, dass Dienstags Vormittag bei einem Feueralarm nur ein halbbesetztes Löschfahrzeug ausrückt. Dass Rettungswagen-Fahrer Doppelt- und Dreifachschichten schieben, weil die Kisten sonst beim nächsten Herzinfarkt in der Garage stehen bleiben. Das sehen wir ein, oder? Wenn wir's nicht machen, wer dann?

Oder aber gehören wir zu denen, die sich längst schon ehrenamtlich engagieren? Dann stellen wir uns zwei Fragen. A) Bin ich mir noch bewusst, warum ich das mache? Sind meine wahren Beweggründe tatsächlich Einsatzgeilheit und Profilierungssucht (in Maßen ist beides erlaubt)? Oder tue ich es, um Mitmenschen zu helfen? Falls sich der Fokus verschoben hat, bitte korrigieren. B) Wie glaube ich, dass ich meinen Verein/meine Institution nach aussen hin repräsentiere? Finde ich immer den richtigen Ton, das richtige Verhalten, und wenn nicht, ganz wichtig, halte ich dann die Klappe und trete einen Schritt zurück?

Vielleicht schafft es ja unsere Generation endlich, dem Bart eine neue Frisur zu verpassen.

Mardermolch
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Dieses Weblog ist dem Mardermolch gewidmet, jener oftmals unterschätzten und gerne vernachlässigten Spezies der Satire, des Spaßes, wider der Ignoranz und der Dummheit und allgemein für eine bessere Welt.

4 Comments

  1. Hoppsä sagt:

    Ich habe den Bericht ja jetzt genüsslich gelesen und als hervorragend befunden, ich hab übrigends die Hand immer noch an der Nase. Nur will ich kurz Klugscheissen…diese Werbekampagne ist nicht dem Kreis-Feuerwehrverband entsprungen sondern wie der Link schon erahnen lässt dem Lands Feuerwehrverband Bayern ;-)

    So das wars auch schon wieder… ich hoffe wir kriegen durch den Beitrag neue Mitglieder :-)

  2. Andi sagt:

    Ups. Danke für den Hinweis, habs berichtigt.

  3. Flo Stä sagt:

    Wenn schon alle klug scheißen ;-) Ist es der Landesfeuerwehrverband ;-)

    Gruß Flo

  4. Agnes sagt:

    Meine Ausrede: bin ein Mädchen PLUS Angsthase. Katzen von Bäumen retten: ruft mich an. Jemand der blutet aus einem Auto helfen, mehr als Lagerfeuer löschen: ich muss weinen, würgen oder laufen.

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